drucken
fenster schließen


Land unterm Meer

Das ist die Einfahrt in den heimlichen Hafen. Von hier führt der Weg unter das Meer.
Die Bewohner der Tiefe sind reglos und schlafen. Ich habe keine Erklärungen mehr.

Ich kann überall die Eingänge finden, die zwischen den Ritzen des Tages entstehn.
Darin können ganze Geschichten verschwinden, blinken und untergehn.

Dieses Wasser ist mit Samt überschlagen. Drunter die Leinwand, die alles hält.
Ich hab die Bilder durch die Jahre getragen. Jetzt haben sie sich aufgestellt.

Sie lebt noch immer im Land unter dem Meer.
Sie lebt noch immer in einem geschlossenen Innen.

Die Schiffe der Welt halten große Distanzen. Sie kennen Grad und Route nicht.
Die Bewohner der Tiefe erwachen und tanzen. Eine von ihnen hat mein Gesicht.

Sie hat meine Augen und kann sie nicht schließen, weil sich mein Bild dagegenstellt.
Mich haben sie damals nach oben verwiesen als Spiegelbild für die äußere Welt.

Um ihre Sehnsucht nach Himmel zu stillen haben sie mich übers Wasser gebracht.
Um die Gesetze der Welt zu erfüllen hat man aus mir einen Menschen gemacht.

Sie lebt noch immer im Land unter dem Meer.
Sie wartet hinter den Wänden des Wassers auf Regen.

Ich kann ihre Straßen, ihre Häuser entdecken. Gleitende Quader auf dunklem Grund.
Augen wie Phosphor aus blinden Verstecken. Stumme Gestalten mit Wasser im Mund.

Ich bleib im Schatten der weltlichen Mauern. "Wär' ich ein Vöglein", ich flöge zu dir ...
Ich werde als Echo die Zeit überdauern. Als Abwesenheit. Als Flimmertier.

Das ist die Heimfahrt in den heimlichen Hafen. Ich kehre zurück zu meiner Natur.
Ich reihe mich ein und lege mich schlafen. Das Wasser löscht jede Spur.

Sie lebt noch immer im Land unter dem Meer.
Sie lebt noch immer in einem vollendeten Innen.

©liedtke 2006

drucken
fenster schließen